Predigt zum siebten Sonntag der Osterzeit, Lesejahr C, 16.05.10

von Diakon Roland Pressl

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Wir haben es gehört in der Offenbarung des Johannes:

Alpha und Omega ist Jesus also: das entspricht dem A und dem Z in unserem Alphabet. Stellt sich die Frage: Was aber ist dann mit dem B oder dem C, und erst mit D und E? Es gibt ja schließlich nicht nur A und Z, die Klammern des Alphabets. Es gibt viele Buchstaben dazwischen. Was also ist mit denen?

Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als hätte Gott tatsächlich mit all den anderen Buchstaben nichts zu tun.

Am Anfang brauchen wir ihn: Ja, er ist der Schöpfer. Er ist der, durch den alles geworden ist, der uns ins Leben gerufen hat und von dem alles seinen Ausgang nimmt: das Alpha eben, der Anfang von allem.

Und dann ist er wieder wichtig als Zielpunkt, als der, auf den wir zugehen und der am Ende unserem ganzen Leben einen Sinn gibt.

Aber dazwischen...? Zwischen dem Anfang des Lebens und seinem Ende, dazwischen brauchen wir Gott, so hat es zumindest in unserer Zeit den Anschein- da brauchen wir Gott eigentlich gar nicht mehr. Alles läuft ja, nach klar ersichtlichen Gesetzmäßigkeiten. Und die kann man erforschen. Und die Letzten von ihnen, ja, selbst die Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Bausteine des Lebens funktionieren, werden momentan Stück für Stück entschlüsselt.

Wir haben das Leben mittlerweile so im Griff, dass wir Gott bald selbst für das Alpha, selbst für den Anfang nicht mehr brauchen. Wäre da nicht der Tod, Gott wäre jetzt bereits völlig überflüssig, auch für das Omega.

Aber vielleicht bekommen wir das irgendwann einmal ja auch noch in den Griff... Davon zumindest träumt die Wissenschaft und mit ihr nicht zuletzt unsere Industrie.

"Ich bin das Alpha und das Omega", sagt Jesus, und er macht mit diesem Satz diesem Träumen von vorneherein ein Ende, denn er ist Alpha und Omega, Erster und Letzter. Und das bedeutet weit mehr, als Anfang und Ende!

Wenn die Schrift sagt, dass Jesus Alpha und Omega ist, dann muss man das mit den Ohren der Menschen hören, die diesen Satz überliefert haben. Und das waren Juden, Menschen, die wie Jesus Aramäisch zur Muttersprache hatten, die im Denken der Semiten beheimatet waren. Und wenn der Semit den Anfang und den Endpunkt einer Strecke benennt, dann meint er damit nicht zwei einzelne Punkte, er meint die ganze Strecke, die dazwischen ausgespannt ist.

Wenn die Bibel etwa davon spricht, dass Abraham Großvieh und Kleinvieh besaß, dann will das nicht sagen, dass er zwei Sorten von Tieren hatte - Rinder und Schafe etwa -, es will sagen, dass er alle möglichen Tiere, von den großen Arten bis zu den kleinen, in seinen Herden hatte.

Und wenn der Semit sagen würde, dass Abraham zum Beispiel – um in unserem Gebiet zu bleiben, in Bad Grönenbach und in Memmingen lebte, dann heißt das für ihn nicht, dass er hier in Memmingen und in Bad Grönenbach ein Haus besessen hätte. Der Hebräer bringt damit zum Ausdruck, dass Abraham im ganzen Gebiet - eben zwischen Bad Grönenbach und Memmingen - zuhause gewesen ist und dort seine Herden auf die Weide führte.

Und wenn Jesus davon spricht, dass er Anfang und Ende ist, dann wäre es eine völlig verkürzte Sicht, wenn man daraus schließen würde, dass er für den Anfang und für das Ende Bedeutung hätte. Er ist Anfang und Ende und damit alles, was dazwischen liegt. Denn genau das ist Gott für uns, er ist das Ein und Alles für uns, der, ohne den nichts, aber auch gar nichts geht.

Kein Spatz fällt vom Himmel, ohne dass Gott davon weiß. Und nichts wächst und gedeiht, ohne dass er seine Finger im Spiel hat. Denn Gott ist Anfang und Ende, der Erste und der Letzte und alles zwischendrin. Ohne ihn ist nichts, was geworden ist, und ohne ihn wird erst recht nichts sein. Und alle Gesetzmäßigkeiten dieser Welt existieren nur deshalb, weil er sie garantiert. Und der Mensch kann diese Gesetzmäßigkeiten nur erforschen weil Gott es ihm ermöglicht, weil er ihm die Intelligenz und Fähigkeit dazu gegeben hat.

Wenn wir das vergessen, berauben wir uns nicht nur des Anfangs und des Zieles, wir verlieren den Halt in unserem Leben und den Boden unter den Füßen, Und wer den Boden unter seinen Füßen verliert, der bricht durch - und er bricht letztlich durch ins Unheil.

Bei Stephanus, von dem wir in der Apostelgeschichte hörten, war Jesus ein und alles. Anfang und Ende, Jesus von A bis Z. Jesus, der Auferstandene, der die Rolle im Leben des Stephanus einnahm. Ja, wenn Jesus das Alpha und das Omega, das A bis Z ist, dann umspannt der Christusglaube das ganze Leben. Dann ist Glaube lebensbedeutend und kein schmuckes Beiwerk. Dann kann Einheit und Liebe entstehen, Christusbekenntnis, Einsicht in die Welt des Vaters, lebensumfassender Glaube der Menschen, die den Weg als Christen zu gehen begonnen haben und für die Jesus beim Vater bittet.

Die Verheißung, die uns Jesus in der Lesung des heutigen Tages mitgibt, beinhaltet gleichzeitig auch eine Warnung. Vergessen wir nicht: Jesus Christus, Gott selbst, ist das Alpha und das Omega unseres Lebens. Und das bedeutet nicht nur der Anfang und das Ende, Gott ist schlichtweg unser ein und alles.

Er ist alles. Und er ist es für uns. 

Amen