Dreifaltigkeitssonntag, Lesejahr C, 30.05.10
Predigt zum Dreifaltigkeitssonntag, Lesejahr C, am 30.05.10
von Diakon Roland Pressl
Liebe Schwestern und Brüder,
Vom Philosophen René Descartes stammt der lateinische Grundsatz: „Cogito ergo sum“. Zu deutsch: „Ich denke, also bin ich.“ Descartes sieht ein, dass man, um zu denken, sein muss. – „Cogito ergo sum“. Es müsste aber noch etwas vor dem Denken kommen. Denn der Anfang des Seins müsste größer sein.
Unser biblischer Grundsatz könnte heißen: „Weil ich geliebt bin, deshalb bin ich“, oder anders herum: „Weil ich mich geliebt weiß, bin ich mir meines Seins bewusst.“ Dieses Bewusstsein ist aber dann ein dankbares Sich-Bewusstwerden seines Seins. Dieses Sein verdankt sich der Liebe. Und Liebe – das wissen wir – kann sich nur personal entfalten. Liebe braucht ein Du.
Wenn wir heute miteinander den Dreifaltigkeitssonntag feiern, dann machen wir uns unser Bekenntnis an den dreifaltigen Gott bewusst. Beim Hineingehen in die Kirche haben wir uns mit dem Weihwasser bezeichnet: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Zwischen den drei Personen des einen Gottes vollzieht sich ein immerwährendes Liebesspiel, was im Johannesevangelium zum Ausdruck kommt: „Er“ gemeint ist der Geist, der Paraklet – „wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein.“ Da gibt es kein Auseinanderdriften der göttlichen Personen, sondern eine Einheit in immerwährender Liebe. Und diese Einheit und Liebe stand vor dem Urbeginn der Schöpfung und vor der Erschaffung des Menschen. Gott, der in seinem dreifaltigen Wesen nur Liebe ist, brauchte das Du der Schöpfung und schließlich die Krönung, den Menschen.
Ob sich der Mensch dieser Liebe Gottes, die vor allem Sein war, bewusst ist? Ob er sich bewusst ist, dass die Schöpfung und besonders sein Leben Geschenk der Liebe Gottes ist? Wie beschenkt müsste sich doch dann der Mensch wissen, wie gewollt und angenommen von Gott, der ihn erschaffen hat.
Eine solche Erkenntnis verböte es davon zu sprechen, dass es schon etwas Höheres, etwas Absolutes, etwas, was hinter dieser Schöpfung stehe, geben müsse. Die Erkenntnis verböte auch die Vermutung, nach dem Tod käme vielleicht noch etwas.
Nein – es kommt nicht etwas, es steht nicht etwas hinter der Schöpfung. Es kommt vielmehr ein Jemand, ein Du und es steht ein Jemand, ein Du, hinter allem Sein. Und wenn wir uns von der Bibel, vom Evangelium, leiten lassen, dann verbinden wir mit diesem Du die sich zuwendende und sich an uns verschenkende Liebe Gottes.
Wenn wir das nur immer dankbar erkennen könnten, wenn man es uns impfen könnte, damit sich diese Erkenntnis tief in uns einfrisst, ja, wenn wir es auch anderen impfen könnten, die es nicht glauben, wenn wir es ihnen beweisen könnten!
Im Johannesevangelium ist hier vom Parakleten, vom heiligen Geist die Rede. Er beschreibt in seinem Evangelium das Wirken des Heiligen Geistes in mehreren Kapiteln. Allein daran können wir schon erkennen, wie wichtig es Johannes ist, den Hl. Geist in das Feld unserer Wahrnehmung zu rücken. Ohne den Heiligen Geist, das weiß Johannes, hat die Gemeinde nicht Bestand. Wir Menschen, können die Gemeinde aus eigener Kraft nicht auf Dauer halten. Es geht also in unserem Glauben und in unseren Gemeinden nicht in erster Linie um unser Bemühen. Vielmehr wird das Wirken des Hl. Geistes für die Kirche, für die Gemeinden und für die einzelnen Gläubigen von entscheidender Bedeutung sein. Johannes lässt Jesus im Evangelium sprechen: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen.“
Der Hinweis Jesu auf „Vieles“, was er noch zu sagen habe, weckt eine Neugier, die von ihm aber nicht befriedigt wird. Grund ist das Unvermögen der Jünger, vor Jesu Weggang und Verherrlichung dieses „Viele“ zu ertragen. Was ist aber damit gemeint? Hat Jesus zu Lebzeiten etwas versäumt? Sind Jesu bisherige Worte unvollständig?
Die junge Gemeinde hat Jesu Wirken, Jesu Tod und Jesu Aufertstehung erfahren. Die Erfahrung ist also da. Und für uns gibt es die Überlieferung. Wir sagen: Wir glauben daran. Aber reicht das aus? Nach der Himmelfahrt Jesu kann der Herr mit praktischen Fragen nicht mehr angegangen werden. Er kann nicht mehr gefragt werden. „Herr, wie sollen wir uns in dieser oder jener Situation verhalten?“ „Wie sollen wir umgehen mit Menschen in diesen oder jenen Problemen.“ „Ja, und wie sollen wir unsere Gemeinden richtig leiten, wie sollen wir uns richtig verhalten, welche Regeln brauchen wir, welche Strukturen, was ist richtig und was ist falsch?“
„Der Geist wird euch in die ganze Wahrheit führen.“ – Die ganze Wahrheit – das ist die Gestaltung des Lebens, die Gestaltung dieser Welt aus dem Geist des Evangeliums heraus. Und da gibt es sicher immer wieder mannigfaltige Fragen, was wir doch selbst bis hinein in unsere aktuelle kirchliche Situation und in unser konkretes Leben erfahren müssen.
„Der Geist wird euch in die ganze Wahrheit führen.“ – Letztlich ist diese Wahrheit Gottes unendliche Liebe, aus der heraus wir unsere Entscheidungen zu treffen haben.
Zurück zu der Erkenntnis des Geliebt- und Angenommenseins von Gott; zurück zu dieser lebensbejahenden Zusage. Ob wir diese Erkenntnis geimpft bekommen könnten? – Ja, diese Impfampulle wäre sozusagen der Heilige Geist, der uns geschenkt, der über uns ausgegossen ist.
Es ist der Geist des Sich-dankbar-Erinnerns, der Geist des Mutes und der Geist der Erkenntnis. Damit dieser Geist wirken kann, müssen wir ihn wirken lassen. Das heißt, sich selbst ihm vertrauensvoll überlassen, Gottes Geist zulassen und vom eigenen perfektionistischen Machbarkeitsstreben Abschied zu nehmen.
Wenn wir heute, am Dreifaltigkeitssonntag, durch den Evanglisten Johannes angeregt werden, uns mit dem Wirken des Hl. Geistes zu befassen, dann sollen wir erkennen, wie tief Gott mit der Kirche und mit jedem einzelnen Gläubigen verbunden ist. Auch wenn Christus nicht mehr unter uns weilt, lebt und wirkt er – verbunden mit dem Vater – dennoch kraftvoll unter uns und in uns durch den Hl. Geist. Wir sind keine verwaiste Kirche. Vater, Sohn und Hl. Geist haben lebendige Gemeinschaft mit uns, sind die Quelle, aus der die Kirche und jeder einzelne von uns Leben und Kraft schöpfen kann.
Amen.
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