11. Sonntag im Jahreskreis
11. So. im JK., Lj. C, 13.06.2010
Liebe Schwestern und Brüder,
im Mittelpunkt des eben gehörten Evangeliums stehen heute drei verschiedene Personen:
Da ist die Sünderin. Viele sehen in ihr eine stadtbekannte Dirne. Über sie zerreißen sich die Leute den Mund. Sie ist es, die in die Veranstaltung hineinplatzt. Sie tut etwas, was man nicht tut. Denn sie bleibt nicht auf Distanz. Von hinten tritt sie an Jesus heran, weint, ihre Tränen fallen auf Jesu Füße und liebevoll trocknet sie die Füße wieder ab. Zeichen der Verehrung dieses Mannes, Zeichen aber vielleicht auch ihrer Reue. Sie sagt kein Wort, aber das, was sie tut, sagt alles aus: Tränen, Küsse, Salben der Füße. Und sie spürt wohl die Größe ihrer Schuld: Mein Leben ist verpfuscht. Hat es überhaupt noch Sinn? Wo finde ich Sinn? Da ist aber auch der tiefe Wunsch nach Vergebung: Ich möchte einen neuen Anfang machen; und du, Jesus, kannst ihn mir schenken! Da ist sich diese Frau sicher, denn sonst hätte sie niemals die von Menschen gemachten Benimmregeln außer acht gelassen. Was sie tut, kostet Überwindung. Ein festes Vertrauen zeichnet diese Frau aus: Jesus wird mich nicht fortschicken. Er wird mir weiterhelfen. Er wird mir Heil schenken. Und ihr Vertrauen wird nicht enttäuscht. In Jesus hat diese Frau nun endlich einen gefunden, der nicht zuerst ihre Sünden in den Blick nimmt, sondern vor allem ihre große Liebe sieht.
Und einer weiteren Gestalt begegnen wir im Text. Sie ist der Pharisäer.
Überzeugt ist er von seiner Gerechtigkeit, nach dem Motto: Ich erfülle die Gebote. Ich führe ein rechtschaffenes, sauberes Leben. Ich habe kein Schuldenkonto bei Gott, mit mir kann Gott zufrieden sein. Ich stehe gut da. Mir braucht Gott doch nichts zu vergeben. Wo habe ich denn schon Schuld auf mich geladen?
Die sündige Frau ist ihm peinlich. Und so macht er sich ihr gegenüber zum selbstgerechten Ankläger. Mit den Fingern zeigt er verächtlich auf sie. Und: er ist empört darüber, dass Jesus diese Sünderin gewähren lässt, ja, dass er sich sogar von ihr berühren lässt. Was ihm einfällt, diesem Jesus! „Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist..." Abschaum, mit dem man sich nicht abgibt, zumindest nicht, wenn man ein ordentlicher Mensch ist. Der Pharisäer weiß, was gut und was schlecht ist. Der Pharisäer weiß, wie man sich richtig verhält und er weiß auch, was man nicht tut.
Und da kommt Jesus vor in diesem Evangelium. Jesus, der die Geschichte von den zwei Schuldnern erzählt und damit die Frau und den Pharisäer ins richtige Licht rückt. Jesus sieht die Frau, über die wohl viele den Kopf schütteln, anders. Er sieht sie als die, die viel liebt. So wird die, über die die andere den Kopf schütteln, von der sie sich abwenden, plötzlich zum Vorbild. Diese Frau kann Gott keine Leistungen vorrechnen. Sie kann nur ihre leeren Hände Gott entgegenstrecken, weil sie erfahren hat, dass sie schon zuvor von ihm geliebt war.
Aber auch der Gastgeber Simon wird in ein neues Licht gerückt. Simon, der davon überzeugt ist, alles recht und gut zu machen, bekommt von Jesus gesagt, dass er Gott überhaupt noch nicht begriffen hat. Simon, der glaubt, durch seine Leistungen das Wohlwollen Gottes erreicht zu haben, muss jetzt zur Kenntnis nehmen, dass er sich Gott nicht erkaufen kann. Er muss erkennen, dass auch er sich ganz der Güte Gottes verdankt und dass Gottes Liebe auch die einschließt, die vor Simons Augen nicht in Ordnung sind. Gottes Liebe ist eine sich unbegrenzt verschenkende Liebe. Und das eigentlich Unerhörte: Jesus mutet Simon zu, über diese Sünderin den Weg zu Gott zu finden!
Und wo kommen wir in diesem Evangelium vor? Ja kommen wir überhaupt darin vor? – Doch ich meine schon. Denn: Steckt nicht auch in jedem von uns so ein Stück Simon, der im Evangelium zur Sprache kommt? Tun wir uns nicht auch schwer mit Jesus, mit Gott, der eine andere Gerechtigkeit praktiziert, als wir sie erwarten? Der anders handelt und urteilt, als wir es gewöhnlich tun? Bei dem die Schlimmsten genauso wichtig sind wie die Braven – die erst genannten vielleicht sogar noch mehr, denn: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken?
Aber Gott sei Dank dürfen wir uns auch in der Sünderin wiederfinden. In unserem Sündigsein dürfen wir zu Gott hintreten. Und Jesus zeigt uns im Evangelium auf, wie wir vor Gott dastehen: Als Schuldner, als Sünder, die Gott liebt – ohne unsere Leistung. Die Sünderin hat das begriffen. Das müssen auch wir lernen.
Wer Gott begegnet, muss sich auf eine neue Dimension einlassen – und leicht ist das sicher nicht:
Wir stehen auf einer Ebene mit denen, über die wir den Stab brechen. Wir sind nicht besser als die anderen Sünder. Wer sich auf Gott einlässt dürfte sich nicht über andere Mitmenschen erheben, die nicht so gut oder schlechter wären.
Niemand kann Gott gegenüber also auf seine Leistung oder auf eine saubere Weste pochen. Entscheidend ist nur die Liebe. Die Sünderin brachte diese Liebe mit. An ihr können wir lernen. Heute in diesem Evangelium.
Amen.
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