13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr c, 26.06.10
13. So. im JK., Lj. C, 26.06.10
von Diakon Roland Pressl
Liebe Schwestern und Brüder,
wie einfühlsam und zärtlich konnte doch Jesus sein bei all den Begegnungen mit den Menschen, mit denen er in Kontakt kam und die bei ihm Heilung und Heil suchten. Sanfte, ja zärtliche Berührungen: Wie er Kinder in seine Arme nahm; wie er die Hand des gestorbenen Kindes eines Synagogenvorstehrs nimmt und dem Kind zum Leben verhilft; wie er Blinden die Augen berührt und sie heilt und viele andere Situationen, in denen Menschen die heilbringende Nähe Jesu am eigenen Leib einfühlend und zärtlich erfahren haben. Und da ist auch seine verzeihende Nähe, wenn er der Sünderin vergibt und ihre Steinigung verhindert, wenn er am Kreuz den Vater für die um Vergebung bittet, die gerade dabei sind, ihn umzubringen.
Das ist die eine Seite Jesu.
Es gibt aber auch die andere Seite. Wie knallhart und kompromisslos konnte Jesus sein! Diesem Jesus begegnen wir heute im Evangelium. Da ist ein Mann, der sich entschlossen hat, mit Jesus zu gehen. Wir würden heute sagen: „Gott sei Dank!“ und würden unsere Freude über den zum Glauben Bekehrten zum Ausdruck bringen: „Das find ich aber toll, dass Du diesen Weg gehen willst! Schön, dass Du Dich mit unserer Gemeinde auf den Weg machst. Herzlich willkommen!“ – so könnte unsere Antwort aussehen.
Und wie antwortet Jesus? – „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ Der an der Nachfolge interessierte Mann erfährt, was ihm blüht: Wenn er mit Jesus geht, dann muss er viele seiner Sicherheiten verlassen, dann beginnt für ihn auch eine unruhige, nach vorne hin offene Zeit, die nicht planbar ist. Ob der Mann sich so entschließen kann, mit Jesus zu gehen? Diese Frage wird leider im Evanglium nicht beanwortet.
So kommt Jesus im Anschluss daran wieder mit einem Menschen in Kontakt und er ergreift selbst die Initiative: „Folge mir nach!“ Und der sagt: „Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben“. „Na klar, mach das!“ – hätten wir gesagt. Ist doch einleuchtend. Ein Begräbnis ist notwendig, um sich von einem lieben Menschen verabschieden zu können. Wir hätten gesagt: „Komm danach einfach wieder und wir können uns dann gemeinsam auf den Weg machen.“ Anders Jesus: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“
Ob Jesu Gegenüber verärgert war? Ob er mit Unverständnis reagierte? Ob er seinen toten Vater dann einfach liegen ließ?
Auch hier gibt uns das Evangelium keine Antwort.
Und dann die dritte Szene: Auch da will jemand Jesus nachfolgen, möchte sich aber zuvor von seiner Familie verabschieden. – Sicher auch ein verständliches und nachvollziehbares Anliegen. Ich kann ja nicht einfach nur so gehen. Die anderen müssen ja wissen, was mit mir ist, wem ich mich angeschlossen habe und wie lange ich vorraussichtlich fort sein werde. Und auch hier wieder Jesus: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“
Ist ein solcher knallharter Jesus auszuhalten?
Liegt uns da nicht auch eher der Satz des Unverständnisses vieler Jünger, wie im Johannesevanglelium berichtet, auf der Zunge: „Was er sagt ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ (Joh 6,60) Ja, wer mit Jesus in Kontakt kommt, begegnet nicht einem Mann – so stelle ich ihn mir zumindest nicht vor – mit einem immerwährenden Lächeln auf dem Gesicht und mit frommen salbungsvollen Worten. Ich stelle ihn mir vielmehr vor als Mann mit beiden Beinen am Boden, fest verankert in der weltlichen und in der himmlischen Wirklichkeit. Jesus kennt diese Welt. Er kennt unsere menschlichen Eigenheiten, unsere Schwächen und unserer Stärken. Und in diese menschliche Realität hinein fordert er einen kompromisslosen Weg in die Nachfolge. Und da ist es wohl zwangsläufig so, dass man sich natürlich an manchen seiner klaren Worte schmerzhaft reibt.
Ich stelle mir Jesus aber hier auch vor als einen, der nicht vorhat, jemanden zu kränken. Manches muss überdeutlich, sehr pointiert, ausgesprochen werden, damit es die Menschen kapieren. Sonst wird es ja nicht ernst genommen. Sonst wacht ja niemand auf. Sonst kehrt der Mensch – und das ist ja immer die Gefahr, in das Mittelmaß seines Tuns zurück. Von jedem etwas, aber nicht alles – wie es halt so ist auf dieser Welt. Und Jesus: Er fordert und erwartet alles. Da gibt es für ihn nur Glaube in Vollzeit, nicht in Teilzeit und schon gar nicht in einem geringügig Beschäftigtenverhältnis. Wer glauben und sich auf die Spur Jesu begeben will, der muss seinen ganzen Lebenseinsatz bringen, denn Glaube ist existenziell; der muss altes Leben hinter sich lassen und sich ganz nach vorn, auf den Weg mit Jesus begeben, nach vorne offen, nicht wissend was alles geschehen wird, aber im festen Vertrauen darauf, dass der Weg mit Jesus sicher ans Ziel führt.
Doch schaffen wir Menschen es, uns auf diesen fordernden und kompromisslosen Weg zu begeben?
Der Apostel Paulus erinnert uns in seinem Brief an die Galater an die von Christus geschenkte Freiheit: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Im Blick auf Jesus erfahren wir, wie er sich frei und souverän in dieser Welt bewegte. Er ging nicht den Weg der Mittelmäßigkeit, sondern er ging den Weg der sich verschenkenden Liebe, der die Menschen und deren Wohl, der die Menschen in ihrer Heilssehnsucht im Blick hatte. Dabei musste Jesus bei vielen anecken, besonders bei den religiösen Führern und den Mächtigen und er musste mit entsprechend anklagenden, kritischen und giftigen Reaktionen rechnen. Jesus nutzte jedoch seine souveräne Freiheit und ließ von seiner Sendung zu den Menschen nicht ab. Er lebte diese Freiheit bis hinein in den Kreuzestod.
Die Freiheit, die Jesus Christus uns Glaubenden geschenkt hat, und die uns der Apostel Paulus eindringlich vor Augen stellt, fordert auch uns heraus. Sie fordert dazu heraus, den Weg der Mittelmäßigkeit zu verlassen, Entscheidungen, die auch ungewohnt sind zu treffen, das Evangelium zu leben und zu verkünden und uns auf die Seite Jesu und der Menschen zu stellen. Dann gilt nicht mehr das, was man tut, sondern es gilt das, was Christus von uns erwartet und was wir Glaubende konsequent leben wollen.
Die Freiheit, die uns Christus geschenkt hat, ist keine faule Freiheit sondern Herausforderung, die Mittelmäßigkeit zu verlassen und mit der Nachfolge ernst zu machen.
Amen.| Weiter > |
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